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Die Ritterbürtigen (Levin Schücking) 1846


1846 erschien in Leipzig das dreiteilige Werk "Die Ritterbürtigen" (429 Seiten) von Levin Schücking. Das Buch war derjenige Roman, der nach auch heute noch herrschender Meinung das enge Verhältnis zwischen Annette und Levin auf Dauer zerbrechen lies.

Das hier abgebildete Exemplar wurde Johann Lothar Schücking ca. 80 Jahre nach der ersten Veröffentlichung mit einem Vorwort versehen, welches die oft erwähnte "Krise" in der Beziehung zwischen den beiden Schriftstellern andeutet:

"Es ist in oberflächlichen Darstellungen häufig zu lesen, daß der Bruch Annettes von Droste Hülshoff mit ihrem Freunde Levin Schücking durch seine Herausgabe eines Romans verursacht worden sei, der das Leben des westfälischen Adels zu jender Zeit geschildert habe. Diese Auffassung dürfte doch in etwa zu korrigieren sein."

Auch heute noch ist in vielen Darstellungen die Betrachtung dieser Beziehung zwischen Annette und Levin ein schwieriger und zu weitschweifenden Vermutungen verleitender Teil von Annettes Biographie. Die Verfasser schwanken in vielen Fällen zwischen  der "verschmähten Liebenden Annette" und dem "literarischen erwachsen werdenden Levin".

Dem Nachfahren Levins, der "Die Ritterbürtigen" erneut herausbrachte, war daran gelegen, seinen Ahnen gegenüber der Öffentlichkeit gewisserweise zu rehabilitieren, klingt es doch bis heute in Annettes Biographien so, dass Levin Annette die Freundschaft aufgekündigt hatte und Annette ihrerseits mit Schmähbriefen gegenüber Dritten, von denen Levin ganz sicher keine Ahnung hatte, reagierte, um Abstand zu Levin zu gewinnen. Das Zusammentreffen 1844 auf der Meersburg zwischen Louise von Gall, der Ehefrau Schückings und Annette beschreibt Julius Lothar Schücking denn auch als das "Zusammentreffen der protestantischen Weltdame mit dem katholischen Landfräulein" und vor allem hierin manifestiert sich auch der Bruch zwischen Annette und Levin.

2. Ausgabe von vor 1914 (Theissing-Verlag Münster)

"Wie weit nun Erzähungen der Droste an Levin in der Tat Stoff zu dem Roman gegeben haben, ist heute nicht mehr festzustellen." Wohl aber ist es beim Lesen dieses spannenden Werkes möglich, selber diejenigen Punkte heraus zu finden, die Annette bewogen haben mögen, einen Schlussstrich unter diese ehemalige Freundschaft zu setzen und dies aller Wahrscheinlichkeit nach auch ohne Berücksichtigung der Tatsache, dass Levin inzwischen mit der "protestantischen Weltdame" verheiratet war.

Die Hauptpersonen des Werkes, Valerian von Schlettendorf und Theophanie von Blankenaar finden nach langen Irrungen und Wirrungen zueinander, aber dieses verstrickte Liebesgeschichte ist nur das Rundherum des Buches. Hat das Werk doch ein großes sozialkritisches Potential, dass sich vor allem in den Reden des Valerian von Schlettendorf äußert und den katholischen Adel des 19. Jahrhunderts generell entsetzt haben dürfte. Beim Lesen der Briefe Annettes beschlich zumindest mich der Gedanke, dass Annette hier ähnliche gesellschaftskritische Ansichten gehabt haben dürfte, wie sie hier von Valerian von Schlettendorf geäußert werden. Annette hielt es jedoch Zeit ihres Lebens für unangemessen bzw. unmöglich sich in dieser Form gesellschaftskritisch zu äußern, da sie dadurch ihrer Familie, die sie versorgte und von der sie in Ihren letzten Jahren immer noch stark emotional abhängig war, zwangsläufig in den Rücken gefallen wäre.

"[Valerian von Schlettendorf vor dem westfälischen Adel:] Es ist ein großer Trieb im Menschen, sich in die Klientel Mächtiger zu begeben. Benutzen wir ihn. Die Regierung hält das Volk in Ordnung, aber sie hat kein Ohr für das Gemüt, für die Poesie und das innere Leben der Nation. Bemächtigen wir uns dieses Gebiets. Vertreten, schützen wir es, machen es geltend, wo die Bürokratie es unterdrückt. O, Sie sollten sehen, zu welcher Macht im Staate uns das erheben würde! Man würde sich um uns scharen, man würde uns zujauchzen, ganze Gaue würden unter uns sich ihre Schutzherren wählen. - Wie konstitutionelle Häuptlinge würde jeder von uns ein ganzes Volk hinter sich haben, das ihm vertraute. Es käme nur darauf an, dem Volk zu zeigen, daß wir für seine Zwecke, seine Sympahtien tätig seien, daß wir unserer Gutseingessessenen Wohl vor allen Dingen im Auge hätten, daß wir begriffen auf ihrer Wohlhabenheit, ihrem Reichtum beruhe der unsere; ferner daß wir den Gebildeten zeigen, wir vertreten eine Idee im Staate, wir wären uns einer edlen Aufgabe bewußt gworden; daß wir endlich allen zeigen, wir hätten unsern irrenhauswürdigen Hochmut abgelegt, und daß wir jeden unter uns aufnähmen, der sich bis zu uns zu erheben weiß [...] Der Bürokratie oder einer radikalen Opposition könnten wir mit einer Macht entgegentreten, die beide Feinde niederhielte. Mein Gott, welche Kräfte stehen uns nicht zu Gebot. Welcher materielle Reichtum, den wir nur halb ausbeuten, welche Intelligenz ,die wir nicht zum Viertteil in unseren Köpfen ausbilden, welche unabhängige, edle, kernhafte, zum Wirken im größten Kreis geschaffene Naturen sind nicht unter uns!" (S. 84 - 85)

Dieser kurze Ausschnitt aus "Die Ritterbürtigen" zeigt, dass das Buch auch heute aktuell und des Lesens wert ist, besteht doch in einigen Aussagen ein frappierender Zusammenhang zur aktuellen Zeit und ihren Auswüchsen, wenn diese Probleme auch nicht mehr vom katholischen Landadel des Münsterlandes zu lösen sind.

In dieser Hinsicht sind die "Erzählungen der Droste", die Levin "Stoff zu dem Roman gegeben haben" ganz sicher nicht allein auf Fakten bezüglich der Ränkespiele des Adels zu beziehen, sondern eher auf eine generelle Weltsicht, für die dieser Roman steht und die auch heute noch der Verwirklichung bedarf. Levin Schücking war einer der meistgelesenen Autoren des 19. Jahrhunderts und setzte sich bereits damals für die Rechte der Frau in der Gesellschaft ein, hatte er doch mit seiner eigenen Gattin und Annette nach seiner eigenen Mutter zwei weitere starke weibliche Persönlichkeiten kennen und schätzen gelernt.



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